Kleine Evaluation der Bildungsbegleitung – aus Sicht der Schüler*innen


Die Arbeit im Interkulturellen Bildungs- und Begegnungszentrum Oberstadt (IBBO) wird vom Land Rheinland-Pfalz, von Stiftungen und privaten Spendern und Spenderinnen unterstützt. Insbesondere die Bildungsbegleitung braucht Spenden, denn die staatliche Finanzierung bezieht sich vor allem auf die Sprachkurse mit ihrer allgemein-gesellschaftlichen Funktion. Um allen Unterstützern den Wert und den Zweck der Bildungsmaßnahmen transparent zu machen, berichten wir und evaluieren die Arbeit der Honorarkräfte und der Ehrenamtlichen. Unter dem Motto „Ist das Glas halb leer oder halb voll“ präsentieren wir hier eine Evaluation aus dem Sommer 2021.


Kleine Evaluation der Bildungsbegleitung – aus Sicht der Schüler*innen


Im Juni 2021 hat das Interkulturelle Bildungs- und Begegnungszentrum Oberstadt (IBBO) der Ökumenischen Flüchtlingshilfe Oberstadt (ÖFO e.V.) in einem weiteren Evaluationsschritt die Wirkung und Bewertung der Bildungsbegleitung untersucht. In den Jahren 2019/20 hatte eine schriftliche Befragung (per Mail mit offenen Fragen) erste Erkenntnisse über den Verlauf und die Wirkung der Nachhilfe für Schüler und Schülerinnen des Allgemeinbildenden und des Berufsbildenden Schulsystems erbracht. Sie wurden in den Anträgen zur Unterstützung der Bildungsbegleitung dargestellt.

Die „Nachhilfe“ ist nach wie vor der „Kern“ der bildungsbezogenen Aktivitäten, aber sie wird erweitert zu einer „Bildungsbegleitung“, die bewusst und reflektiert die Thematisierung all der Fragen der Schüler und Schülerinnen aufgreift – sofern die Schüler und Schülerinnen dies wünschen. Die Begleitung soll nämlich nicht aufdringlich eine gesellschaftlich gerade herrschende „Ideologie“ durchsetzen, sondern in Respekt vor der Selbstbestimmung der jungen Menschen mit Flucht- und Migrationsgeschichte erwünschte Unterstützung und Klärung von Fragen ermöglichen.

Die Evaluation wurde im Juni 2021 von Mais Termanini durchgeführt. Sie hat auf der Grundlage eines Themenplans die Schüler und Schülerinnen mündlich und telefonisch oder per Mail befragt. Frau Termanini hat in dieser Zeit ein Praktikum im IBBO absolviert, das im Rahmen des Studiums an der Johannes Gutenberg – Universität Mainz (Wissenschaftliche Weiterbildung: Certificate of Advanced Studies mit dem Schwerpunkt Bildungsberatung und Kompetenzentwicklung) obligatorisch ist.

Wir haben zehn Rückmeldungen ausgewertet. Sie wurden in einem standardisierten Bogen erfasst. Die Fragen waren nicht trennscharf formuliert, denn es ging um die Bewertung der Nachhilfe unter verschiedenen Perspektiven. Im folgenden Text wird die männliche Form verwendet – aus Gründen der Schreib- und Lesbarkeit. Dafür bitten wir um Verständnis.



Ort und Intensität der Nachhilfe

Die äußeren Bedingungen sind für den Arbeitsprozess während der Nachhilfe wichtig. Die wenigsten Schüler kommen nur ins IBBO, um dort die Nachhilfe in Anspruch zu nehmen. Die Abwechslung ist die Regel: einmal beim Lehrer zuhause, einmal im IBBO. In zwei Fällen findet die Nachhilfe nur beim Schüler zuhause statt, wobei in einem Fall auch ein Auszubildender aus demselben Betrieb hinzukommt. Es kommt auch die Regelung vor, dass die Treffen abwechselnd beim Lehrer und beim Schüler stattfinden. Da die meisten Treffen im IBBO stattfinden, ist eine äußere Anbindung an die Einrichtung gewährleistet. Fragen wegen der Organisation der Bildungsbegleitung können dort besprochen werden. Es ist wichtig, dass die Nachhilfe nicht „privatisiert“ wird, sondern in der „Einrichtungsöffentlichkeit“ des IBBO verbleibt. Entwickelt sich eine Nachhilfebeziehung schwerpunktmäßig zu einer persönlichen Freundschaft, was nicht unerwünscht ist, dann wird sie als freundschaftliche Unterstützung verstanden und ist mehr als nur Bildungsbegleitung des IBBO.

Die Häufigkeit der Treffen variiert, aber die meisten Lernpaare treffen sich zwei Mal die Woche. Wenn sich Schüler und Lehrer nur einmal treffen, dann geben alle vier Befragten an, dass die Treffen bei Bedarf häufiger sind. Die Begründung lautet: Es kommt darauf an, „welche Bedarfe ich gehabt habe“ oder „bei Notwendigkeit“. In einem Fall finden die Treffen regelmäßig drei Mal die Woche statt. Die Bildungsbegleitung hat sich bei durchschnittlich zwei Terminen in der Woche eingependelt und bleibt flexibel nach Bedarf des Schülers.


Schulische Themen

Eine wichtige Frage für die Weiterentwicklung der Bildungsbegleitung ist die Frage, in welchen Schulfächern die Nachhilfe benötigt wird. Die Suche und Auswahl kompetenter Nachhilfelehrer hängt davon ab; möglicherweise ergeben sich auch empfehlende Hinweise an die Schulen. Fast immer findet die Nachhilfe in mehr als einem Fach statt. In sieben der zehn Fälle ist Mathematik das Fach, in dem Nachhilfe geleistet wird. Deutsch ist in sechs Fällen das Fach, wobei freilich in zwei von diesen Fällen mehr oder weniger ein Sprachkurs zusätzlich zu anderen Hilfen besucht wird. Es ist bemerkenswert, dass schulbezogen in weniger als der Hälfte Deutsch das schwierige Schulfach ist. Weitere Fächer sind Biologie, Physik, Technik, Englisch (2mal) Sozialkunde (2mal) und „Pflege“.

Interessant ist bei der Bewertung des Lernfortschritts, dass in den zwei Fächern, die mit einer spezifischen Ausbildung zusammenhängen, Pflege und Technik, von den Schülern keine Effekte auf den Schulerfolg festgestellt werden. Im Übrigen wird die Nachhilfe positiv bis überschwänglich beurteilt:

„Es gab einen riesigen Unterschied zwischen den Noten vor und nach der Nachhilfe.“ „Die Verbesserung der Noten war bei Sozialkunde bemerkbarer als bei Deutsch. Bei Klassenarbeiten gab 10 - 15 % bessere Ergebnisse.“ „Die Noten wurden durch die Nachhilfe viel verbessert (früher 2-3 / jetzt 1-2)“. „In Mathe merkt man, dass es eine große Verbesserung gab.“ „Man kann merken, dass die Noten besser geworden sind“. Eine andere Veränderung wird so ausgedrückt: „der Nachhilfelehrer erklärt mir, was ich in der Schule lerne und ich schwer finde.“ Bedeutsam ist dabei die Umkehrung: der Nachhilfelehrer erklärt dem Schüler, worum es in der Schule bzw. dem betroffenen Fach „eigentlich“ geht und warum dies schwierig für den Schüler ist. Diese „Meta-Perspektive“ weist auf einen reflektierten Zugang zu den Lernproblemen hin und setzt bei Lehrer und Schüler Abstraktionsvermögen voraus. An solchen Phänomenen kann man einen tatsächlichen Bildungsprozess festmachen. Insgesamt kann man festhalten, dass die Bildungsbegleitung ihre schulischen Ziele sehr gut erreicht, insoweit die Noten deutlich besser geworden sind.


Bildungsbegleitung statt nur Nachhilfe

Es gibt wohl keine pädagogische Veranstaltung, in der streng nur der Lerngegenstand abgehandelt wird. Um dieses Zentrum von Unterricht herum gibt es immer erzieherische, mehr noch sozialisatorische Prozesse. Gelegentlich oder in manchen Fällen überwiegend ist dieser Teil des organisierten Lernens der wichtigere Teil. Da die Nachhilfe im IBBO als Bildungsbegleitung verstanden wird, also als Einbettung des schulischen Lernens in einen steten Prozess des besseren Verstehens der Welt, in die der Schüler hineinwächst, und auch dessen, wie sich der Schüler verändert, ist die Frage nach dem, was über die schulischen Themen hinaus angesprochen wird, besonders wichtig. Die Ergebnisse sind interessant und legen einen fortgesetzten Erfahrungsaustausch der Lehrkräfte nahe.

Dass dieser Erfahrungsaustausch und die Schulung einer differenzierten Wahrnehmungsfähigkeit notwendig sind, wird an die Antworten auf die Frage sichtbar, welche weiteren Themen in der Nachhilfe besprochen wurden. Wenn dabei die Antworten teilweise sehr knapp sind, dann bilden sie sicherlich nicht das Gespräch bei der Nachhilfe ab, aber sie dokumentieren das, was den Schülern in Erinnerung geblieben ist bzw. bei der anhaltenden Nachhilfe bedeutsam erscheint.

Konträr verhalten sich die beiden folgenden Aussagen: „Wir hatten keine anderen Themen außer die schulischen Themen diskutiert. Denn ich möchte meine privaten Sachen nicht den anderen mitteilen.“ „Ich wollte immer mit dem Lehrer über andere Themen diskutieren, aber er ist für sich selbst verschlossen und redet nicht gern.“ Die Passung der Lernpaare scheint in diesen beiden Fällen nicht optimal, zumindest im zweiten Fall. Denn das erste Zitat besagt nicht, ob ein Wunsch des Lehrers nach einem thematisch erweiterten Gespräch bestand. In einem anderen Fall ist die Stellungnahme eindeutig: „Wir haben manchmal über die Schule, die Klasse und Schullehrer geredet. Das war gut für mich, dass ich mit jemandem über mein privates Leben erzählen kann.“ Neben den drei pointierten Aussagen nehmen zwei Schüler die Situation so wahr, dass es keine anderen Themen als die schulischen Stoffe gibt. Am häufigsten werden andere Leistungen der Nachhilfe genannt, instrumentelle Leistungen: „Meine deutsche Sprache hat sich verbessert“ (3mal), Ich habe meinen Lebenslauf und eine Bewerbung in der Nachhilfe geschrieben“, „Ich hatte ein Problem mit dem Computer und dem Internet. Bei dieser Frage war der Lehrer hilfsbereit und hat eine Lösung angeboten“.

Das grobe Ergebnis bei dieser Frage resultiert zweifellos aus der methodischen Vorgehensweise der Evaluation. Die telefonischen Angaben wurden in Stichworten protokolliert, auch wenn die Gespräche ausführlicher gewesen sind. An dieser Stelle würden Tonaufnahmen qualitativer Interviews weiterhelfen. Aber diese Evaluation soll und kann Sozialforschung nicht ersetzen. Bedeutsam bleibt aber die Unterschiedlichkeit der Bedürfnisse – offensichtlich bei Lehrern ebenso wie bei Schülern. Bei der weiteren Entwicklung der Bildungsbegleitung sind die individuellen Bedürfnisse und Erwartungen ein wichtiges Thema. Gleichzeitig weisen die Antworten darauf hin, dass die Präferenzen der Schüler und der Lehrer(!) respektiert wurden. Dass sich eine Arbeitsbeziehung einspielt, in der gleichzeitig die individuellen Präferenzen respektiert werden, ist das große Kunststück von „Bildungsarbeit“.



Gesamtbewertung

Bei der Gesamtbewertung der Nachhilfe fällt eine übergreifende Feststellung der Schüler auf: „Mein Deutsch hat sich deutlich verbessert“. Die Nachhilfe wird durchgehend mit „gut“ beurteilt, gelegentlich auch als „hervorragend“ bezeichnet. Aber es gibt in einem Fall auch Kritik: „Im Allgemeinen ist die Nachhilfe nicht perfekt, weil der Lehrer nicht fachlich ist.“ Es handelt sich dabei um den Fall, dass Nachhilfe in Physik und Technik geleistet wird. Hier zeigt sich eindeutig ein Problem der Passung. (Im Mailverkehr zwischen dem Mitarbeiter des IBBO und mehreren Lehrkräften wird die Suche nach einem besseren Passungsverhältnis dokumentiert. Die Verschiedenheit der Ausbildungsgänge kann aber im IBBO noch nicht entsprechend in jedem Fall mit Nachhilfelehrern besetzt werden.) Aber es gibt auch explizite Hinweis auf einen spezifischen Erfolg: „Dank dieser guten Nachhilfe könnte ich meine Realschulabschluss absolvieren“. Und ein Bewertungskriterium wird von einem Schüler genannt, der mit zwei Lehrkräften gearbeitet hat: „Beide Lehrer waren nett und freundlich.“

Über die Bewertung der Nachhilfe hinaus gibt es einige Aussagen, die das IBBO insgesamt betreffen. „Ein Kurs im IBBO ist der beste Ort, wo man alles lernen kann, unabhängig davon, welche Schwierigkeiten man hat.“ „Es war besser als ich es erwartet habe. Ich bin sehr dankbar, dass ich eine Chance hatte an einer solchen Organisation teilzunehmen.“ „Das Beste daran ist, dass man sich nicht fremd fühlt. Die Leute, die da arbeiten, sind immer freundlich und offen für Fragen, die ich habe. IBBO bleibt für mich eine wunderschöne Erinnerung und ein Erfolg, die ich nie vergessen werde.“



Wie voll ist das Glas?

Eine vereinfachte Frage am Schluss der Interviews sollte das Maß der Zufriedenheit erfassen. Deshalb wurden Prozentangaben erwünscht. Das Ergebnis ist übersichtlich:

Zufriedenheit: 100% 4mal; 90% 1mal; 80% 2mal; 75% 1mal; 30% 1mal (Technik und Physik machen das Gesamtergebnis realistisch).


Mainz, den 9.8.2021

Die Verfasser*innen:

Sergey Sabelnikov Mais Termanini Franz Hamburger


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