Lebenserklärung
- 4. Mai
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Das Leben wurde schwer, da, wo ich herkomme. Mit meinem Kind. Und ich konnte meinem Kind nicht erklären, warum wir nicht mehr leben konnten, da, wo ich herkomme, da, wo wir gelebt haben. Mir konnte auch niemand erklären, warum man uns das Leben so schwer gemacht hat, mit wüsten Worten, Schlägen und scharfen Waffen. Da, wo wir geboren waren. Alle miteinander. Für ein schönes Leben, in einer schönen Heimat.
Später einmal wird man meinen Kindern und den Kindern meiner Kinder erklären, warum die Umstände so waren, wie sie waren, wer die Macht über wen haben wollte und wer sich alles von einer verblendeten Ideologie verführen ließ, andere Menschen, Menschen wie ich und mein Kind und meine ungeborenen Kinder, zu verfolgen und mit Blut und Tod zu überziehen. Sie wollten uns das Leben nehmen, aber sie konnten uns nicht töten. Dennoch ist es ihnen gelungen, uns das Leben zu nehmen, ein Leben in Frieden und gegenseitiger Achtung. Diese Leben muss man nicht erklären, es erklärt sich von selbst. Ein Leben mit Vertreibung und Verdrängung, mit Rohheit und Tod und Not, das muss man erst mal erklären. Aber das kann man mir nicht erklären. Da gibt es nichts zu erklären. Dieses Leben musst du fliehen, mein Kind, um dein Leben zu retten und Leben zu finden, wenn nicht das verlorene, dann wenigstens ein neues.
Wisse aber: das neue Leben ist nicht dein altes Leben. Es wird anders sein, und es darf niemals das alte Leben werden. Und es wird nicht einfacher sein als das alte Leben, das neue Leben Ich hänge ihm noch nach, dem gewohnten Leben, nicht dem üblen, sondern dem schönen, dem Leben voll schöner Dinge, guten Menschen, Gewohnheiten und Sitten. Eben meinem Leben. Wo finde ich es? Wo finde ich es neu?
Ich habe gelesen von Menschen, die einst Deutschland verlassen mussten, tot oder lebendig, erniedrigt, gedemütigt, mit Ausradierung konfrontiert und bedroht. Ich kenne sie nicht, keinen einzigen von ihnen. Die ihr Leben nicht verloren, als sie ihr gelebtes Leben verloren, fanden ein Heil in der Flucht, sofern sie aufgenommen wurden. Es kostete sie viel Kraft, viel Geld, viel Mühe und vor allem viele Nerven. So viele Regierenden, die die Grenzen ihrer Länder schlossen. So viele Menschen, die die Augen verschlossen – und nicht selten auch ihre Herzen – oder sie nicht öffneten.
Die ihre Grenzen öffneten, taten dies sehr kontrolliert. Du brauchtest eine Wohnadresse, die du angeben musstest nach deiner von wem auch immer bezahlten Schiffspassage. Über den Atlantik fuhren keine überladenen Fischerboote, nur das Mittelmeer kennt solche Wagnisse. Teuer bezahlte Wagnisse. Teuer bezahlt mit den letzten Ersparnissen der Familie und zu oft mit dem eigenen Leben.
Wer ankommt, wo er ankommt, wenn er ankommt – wie kommt er an? Heiß ersehnt? Skeptisch betrachtet? Kritisch beäugt für sein Äußeres, seine Kleidung, seine Haut? Unverstanden in seiner Sprache, der fremden, die nicht die übliche Landessprache ist? Unverstanden, weil er nicht schnell genug die fremde Sprache versteht, sie nur schwer lernt? Der sich über jedes Puzzleteil, Bruchstück seiner gebrochenen Identität freuen mag wie ein kleines Kind? Versatzstücke finden bei Menschen, die ungebrochen meine vertraute Sprache sprechen, mich einrollen in die wärmende Decke ihrer Gebräuche, bis ich aufstehen muss, hinauszugehen in die kalte, unvertraute, neue Welt, die mir doch zum Leben werden soll, weil ich ein Leben brauche, für mich und mein Kind. Ein Leben, in dem es wenig Verständnis gibt für ein Verbergen in einem Flüchtlingsghetto – das mich doch hin und wieder wenigstens bergen kann in warmen Umarmungen von Worten, Sitten und Bräuchen, solange mir die warmen Worte, Sitten und Gebräuche in meinem neuen Land noch nicht vertraut sind.
Es gibt keinen Zug zurück, den ich nehmen kann. Es sind nur Rückzüge in Vertrautes, auch wenn ich nicht alle alten Sitten teilen kann und mich nach neuen Bezügen sehne. Vertraue ich auf neue, unvertraute Formen des Lebens? Vertrauen die Menschen mir, wenn ich so wenig verstehe? Ich will einfach nur leben. Leben für mich und mein Kind und meine Kindeskinder und für meine gesunden und kranken Nachbarn auch, für die freundlichen und auch für die unfreundlichen. Ein Leben, das man nicht eigens erklären muss, ein Leben, das sich von selbst erklärt.
Und wieder reden einige der Unfreundlichen von Abschiebung, Vertreibung, von der angeblichen Last, die ich sei. Meinen sie wirklich mich und mein Kind und wohl auch meine Kindeskinder? Sie wollen so viele aus ihren Rückzugsorten, ihren Lebensflecken reißen, ihre Flugzeugpassage bezahlen für einen Flug ins Irgendwo-Nirgendwo, wo es längst kein selbsterklärendes Leben mehr gibt. Sie sagen, ich solle es mir doch dort aufbauen, mit meinen Kindern und Kindeskindern, dort, wo ich herkomme. Und versuchen, mir das Leben zu erklären. Das kann mir niemand erklären.
Ich komme her, woher alle kommen, die Freundlichen wie die Unfreundlichen. Weißt du, wo das ist? Wo kann ich noch hin? Ich setze mich an die Bushaltestelle und warte. Vielleicht nehme ich den nächsten Bus und finde normale, gute Menschen. Unsere Kinder und Kindeskinder werden es uns danken. Das glaube ich. Darauf vertraue ich. So leben wir. So ist unerklärbares Leben in uns.
Herbert Cambeis